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Autorenlesung im Kulturbahnhof: Harald Gesterkamp "Humboldtstraße Zwei"

Datum: 
Mittwoch, 7. Dezember 2016 - 19:30

Literarische Rückkehr nach Münster

Der in Münster geborene Schriftsteller Harald Gesterkamp liest am 7. Dezember im Kulturbahnhof Hiltrup aus seinem Familienroman „Humboldtstraße Zwei“.  Orte der Handlung sind auch das Münster in den 60er Jahren und das Münster in der Gegenwart

Für Harald Gesterkamp ist es eine Reise zurück zu seinen Wurzeln. In Münster ist er geboren, zum Ratsgymnasium gegangen, in Münster hat er Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften studiert. Jetzt kehrt er für eine Lesung aus seinem Roman „Humboldtstraße Zwei“ nach Münster zurück und freut sich darauf. „Mit Münster bin ich immer verbunden geblieben, auch wenn ich schon seit 28 Jahren im Rheinland wohne“, sagt der 54-Jährige. Er ist gespannt auf die Lesung am 7. Dezember im Kulturbahnhof Hiltrup. „Es müsste doch ein Heimspiel werden“, meint der bekennende Anhänger des SC Preußen Münster.

Das Literarische hat schon lange in ihm gebrodelt, vor einigen Wochen hat er es schließlich umgesetzt: Gesterkamp, hauptberuflich Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln, hat seinen ersten Roman veröffentlicht. Und der kommt gleich mit 468 Seiten daher. Gesterkamps Erstling ist ein Familienroman, er spielt in den Jahren 1934 bis 2014, beschreibt also das Leben in Deutschland ausgehend vom Nationalsozialismus mit Krieg und Vertreibung über die Nachkriegszeit bis hin zum Problem des Alterns in der modernen Gesellschaft. Orte der Handlung sind zunächst Jauer und Breslau in Schlesien und später auch Münster.

Dort spielt die Geschichte unter anderem in den 60er Jahren. Die Hauptfigur Elise hat mit ihrem Mann ein Haus nördlich der Innenstadt gebaut, zieht zwei Kinder groß und gerät eines Tages mit Gästen zufällig in eine Demonstration von Studenten gegen den Vietnamkrieg. In der Gegenwart liegt die todkranke Elise in einer fiktiven Petrus-Klinik in der Innenstadt, bis sie in ein ebenso fiktives Hospiz in Wolbeck verlegt wird. Darüber hinaus entdeckt Elises Sohn Andreas, der Münster schon vor Jahren verlassen hat, fast ungeahnte Schönheiten Münsters. Und nicht nur das: „Es ist wahrscheinlich auch das einzige Buch der Welt, in dem eine Szene im Preußenstadion spielt“, betont Gesterkamp.

Die eigene Familiengeschichte des 1962 geborenen Schriftstellers war so etwas wie ein Auslöser für die Entstehung des Buches. „Natürlich gibt es an manchen Stellen Parallelen zur Geschichte meiner Familie. Aber es ist ganz eindeutig ein Roman, keine Biografie“, stellt er klar. „Beim Schreiben entwickeln die Charaktere ganz schnell ein Eigenleben.“ Viele Monate hat er an dem Buch gearbeitet. „Vom ersten Entwurf bis zum fertigen Text hat es fast drei Jahre gedauert“, so der Autor. Jetzt freut sich er sich auf die Reaktionen der Leser.

In dem Buch kann der Leser auf drei Zeitebenen die Geschichte der Familie Plackwitz/Appelhoff verfolgen: Erich ist in den Dreißiger Jahren als Richter am Amtsgericht in Jauer, einer Kleinstadt in Schlesien, tätig. Er verachtet Hitler und den Nationalsozialismus, dennoch muss er hilflos zusehen, wie sich Deutschland vom Rechtsstaat immer mehr zum Unrechtsstaat entwickelt. Seine Tochter Elise liebt ihr Elternhaus in der Humboldtstraße Nr. 2, doch muss sie es nach Schule, Studium und Flakhelferinneneinsatz aufgeben. Nach dem Krieg fasst sie in Westdeutschland Fuß, macht eine Ausbildung, heiratet und gründet in Münster eine Familie. Doch die Sehnsucht nach Schlesien brodelt weiter in ihr. Ihr Sohn Andreas, der mit seiner Familie in Bonn lebt, kann das nicht nachvollziehen. Erst als seine Mutter alt ist und mit einer tödlichen Krebsdiagnose konfrontiert wird, beginnt er sich für ihre Lebensgeschichte zu interessieren. Ein Kriegstagebuch hilft ihm dabei. Zugleich verspürt er Ängste, die er sich nicht erklären kann. So widmet sich Gesterkamp literarisch dem auch in der Psychologie vieldiskutierten Thema der Traumatisierung, die sich bis in die Generation der Kriegsenkel fortsetzen kann.

Aus diesem Stoff komponiert Gesterkamp einen Roman, der bei aller Schicksalhaftigkeit der Hauptfiguren unterhaltsam ist. Geschont wird der Leser allerdings nicht: Gräueltaten wie die Ermordung von Behinderten in Hitler-Deutschland spielen ebenso eine Rolle wie die Leiden der aus der Heimat vertriebenen Schlesier. Dabei verbindet Gesterkamp die Themen bis in die Gegenwart mit Diskussionen über die Menschenrechte. Seine zehnjährige Arbeit als Redakteur bei Amnesty International kommt ihm dabei zugute.

 

Harald Gesterkamp: Humboldtstraße Zwei, Verlag Tredition, Hamburg, 468 Seiten, 19,99 Euro. ISBN: 978-3-7345-3658-8

 

Vorverkauf: 
Stadtteilbücherei St. Clemens
Preis Vorverkauf: 
12,00 EUR
Preis Abendkasse: 
13,00 EUR
Preis ermäßigt: 
10,00 EUR
Einlass: 
19:00 Uhr, keine festen Sitzplätze